Hilfe, unserem Hund ist das Auge rausgefallen!


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Glubschaugen werden oftmals durch Qualzuchten bewusst verursacht.

Bearded-Collie Bijou mit Shih Tzu Miró

Hätte ich das vor ein paar Jahren gelesen, so hätte ich sofort gedacht, der oder die Leserin spinnt. Heute weiß ich, dass das passieren kann.
Unser kleiner, niedlicher Shih Tzu Miró ist blind; nicht etwa seit Geburt, sondern durch einen wirklich blöden Zufall: Er spielte vergnügt mit seiner gleichaltrigen Bearded-Collie-Freundin Bijou – ebenfalls Hund unserer Familie. Beide liebten das Tollen im Garten. Und da ist es dann wohl auch passiert….
Doch der Reihe nach:.

„Wie niedlich!“ – Wirklich?

Qualzucht Shih Tzu mit Glubschauge

Als Miro noch gucken konnte

Hunde mit großen, dunklen Glubschaugen und einer meist platten Nase in einem oft viel zu großen und runden Kopf, das ergibt das so genannte „Kindchen-Schema“, das viele Leute zu dem Ausruf „Ach, wie niedlich!“ animiert. Niedlich vielleicht, aber eigentlich sind dies eher Ergebnisse von Qualzuchten, was wiederum ihren – oft recht hohen – Preis hat. Shih Tzu, Mops, Pekinese & Co. sind Hunderassen, denen es so gehen kann wie unserem Hund.
Exophthalmus – wie die „Glubschäugigkeit“ im Fachjargon heißt – und Brachycephalie – die Deformation des Schädels, das sind die zwei größten Problembereiche dieser Hunde, die unter anderem Probleme mit der Atmung sowie mit den Augen hervorbringen. Vor allem Zwergrassen leiden unter einem nicht adäquaten Gaumensegel, was die Einengung des Nasenraums zur Folge hat. Das in Verbindung mit weiteren Anomalien sorgt für das typische, geräuschvolle Atmen. Neben diesen – für Mensch und Hund nicht gerade angenehmen -Schnarchgeräuschen können Atemnot, Erstickungsanfälle oder gar Ohnmacht die Folgen sein. Leider kommt diesen Hunden teils auch die so lebensnotwendige Fähigkeit des Hechelns abhanden, weshalb sie bei Hitze extrem empfindlich reagieren.
Die so niedlich anmutenden Kulleraugen – weniger schön mit „Glubschaugen“ betituliert – sind in Wirklichkeit ein pathologisches Hervortreten der Augäpfel aus den Augenhöhlen. Der Fachbegriff hierfür lautet Exophthalmus. Das bringt nicht nur eine erhöhte Verletzungsgefahr, weil das Auge weit weniger geschützt ist als bei anderen Hunden, mit sich, es besteht zudem die Gefahr eines Augapfelvorfalls, oder wie so häufig zu hören und zu lesen ist: „Dem Hund fällt das Auge raus.“ Um dem vorzubeugen, lassen einige Züchter die Augen dieser Hunde seitlich einnähen. Das wissen und merken die meisten der Käufer nicht, und der Verkäufer schweigt.

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Sind Hunde-Qualzuchten nicht verboten?

Im Prinzip richtig! Brachycephalie, und die damit verbundenen Auswirkungen wie Atem- und Augenprobleme sind in „starken Erscheinungsformen“ laut einem Gutachten des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft als Qualzuchten anzusehen und haben u.a. Zuchteinschränkungen zur Folge. Im §11b des Tierschutzgesetzes ist sogar festgehalten, dass das Züchten dann verboten ist, wenn damit zu rechnen ist, dass „erblich bedingt Körperteile oder Organe für den artgemäßen Gebrauch fehlen oder untauglich oder umgestaltet sind und hierdurch Schmerzen, Leiden oder Schäden auftreten.“

Was aber ist passiert?


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blinder Shih-TzuUnser, damals 2 Jahre alter Miró spielte – wie bereits erwähnt – mit dem wesentlich größeren Bearded Collie. Beide liebten das Spiel „Fang mich doch!“ sowie „Ich hab dich!“ Dabei zisselte, also schüttelte, Bijou den kleinen Miró nur allzu gerne im Genick, was diesem wiederum nichts auszumachen schien, da er ihn anschließend sofort wieder zum Fangen und Spielen aufforderte. Doch dann geschah es: Eines Abends kamen beide ziemlich betroffen, wie uns schien, zur Terrassentür herein und schauten unter sich. Als wir Miró genauer ansahen, kam ich mir vor, wie in einem Horrorfilm: Sein eines Auge hing heraus, um nicht zu sagen, an „nur noch einem dünnen Faden“. Nach einer Schrecksekunde, riefen wir unsere Tochter, die Tierärztin ist, an. Sie bestellte uns sofort in die Praxis.

Nun mag der werte Leser meinen, „man lässt ja auch keinen solch großen Hund unbeaufsichtigt mit einem kleinen spielen“…. Warum nicht? Es ging doch 2 Jahre gut! Außerdem haben wir hinterher erfahren: Das hätte auch von ganz alleine, ohne Fremdverschulden, oder durch einen anderen Unfall passieren können. Ein wenig Druck auf den Nacken reicht schon manchmal als Auslöser aus…
Lange Rede, kurzer Sinn: Das Auge konnte nicht mehr gerettet werden und musste operativ entfernt werden. Die Augenhöhle blieb ohne Augapfel, das Augenlid wurde zugenäht, und Miró hat seither nur noch ein „Glubschauge“. Auch kein besonderer Schönheitsfehler, denn schließlich tragen Shih Tzus ein „Pony“, welches gut über dieses Auge gekämmt werden kann.
Das Tragische an der Sache jedoch ist: Im Nachhinein merkten wir, dass er – trotz Versprechung unserer „Privat-Tierärztin“ -, immer wieder gegen Dinge lief. Eingehende Untersuchungen ergaben: Das „gesunde“ Auge war wohl von Geburt an blind. Jetzt, nach etwa 3 Jahren, läuft Miró zwar immer mal wieder gegen etwas, was er nicht bemerkt oder was einfach vorher in der Wohnung nicht dort gestanden hat, aber er ist eine quirlige, liebenswerte, kleine, kurzatmige Schnarchnase, die sich mit ihrer Behinderung abgefunden hat und gut damit zurecht kommt.

Was haben wir falsch gemacht?

In erster Linie könnte man antworten: …dass wir überhaupt solch einen Hund mit angezüchteten Glubschaugen und deformierter Nase gekauft haben. Nein! Wenn wir es nicht getan hätten, hätte es ein anderer getan.
Die zweite Antwort könnte lauten: …dass wir den kleinen Kerl zusammen mit dem großen Hund allein gelassen beziehungsweise überhaupt haben spielen lassen. Auch hier ein klares Nein! Erstens waren beide dabei glücklich, und zweitens hätte das auch anders passieren können.
Was aber dann? Unsere erste Reaktion hätte eine andere sein sollen, eine entsprechende Erste-Hilfe-Maßnahme hätte eventuell noch das Augenlicht des Hundes retten können. Jetzt sind wir eben schlauer….

Was passiert im Detail?

Selbstverständlich fällt der Augapfel nicht einfach so zu Boden, vielmehr hängt er an der Muskulatur sowie am Sehnerv fest. Das heißt, dass das Auge aus der Augenhöhle heraushängt. Der Hund reagiert entweder – wie in unserem Fall – mit Schock oder beginnt sofort damit, unruhig zu werden und am Auge zu kratzen. Je nach Verletzung kann das Auge auch bluten.

Wie sehen richtige Erste-Hilfe-Maßnahmen aus?

Glubschaugen sind bei manchen Qualzuchten erwünscht.

Shih-Tzu Miró mit zugenähtem Auge

Wie bei uns Menschen, so ist auch das Auge beim Hund ein extrem empfindliches Sinnesorgan, das mit größter Achtsamkeit behandelt werden muss. Als Erste-Hilfe-Maßnahme steht zunächst einmal im Vordergrund, den Hund sowie die umstehenden Menschen und sich selber zu beruhigen, sowie Kratzen und Reiben zu verhindern, um eine noch größere Schädigung vorzubeugen. Dazu kann man eventuell die Vorderläufe des Hundes bandagieren. Wer noch einen medizinischen Schutzkragen – eventuell von vorhergehenden tierärztlichen Operationen oder Behandlungen – daheim hat, sollte dem Tier diesen Hundetrichter umlegen. Außerdem sollte der Hund an die Leine gelegt werden, um ihn unter Kontrolle zu haben. Am besten benutzt man dazu ein Geschirr, damit ein weiteres Ziehen im Genick und am Hals ausgeschlossen ist.
Da bei einem Augapfelvorfall jede Minute zählt, um eventuellen irreparablen Sehnervschädigungen entgegen zu wirken, sollte man versuchen, die Augenlider – der Hund besitzt übrigens drei: Oberlid, Unterlid und Nickhaut (inneres Augenlid im der Nase zugewandten Augenwinkel) – vorsichtig über den Augapfel zu ziehen. Das geht natürlich nur dann, wenn dieser nicht schon allzu weit draußen ist. Desweiteren – beziehungsweise auch ansonsten – sollte der Augapfel mit einem leicht feuchten Tuch behutsam in die Augenhöhle zurück gedrückt werden. Das kostet sicherlich jede Menge Überwindung. Sicher ist es natürlich auch dann nicht, dass das Auge gerettet werden kann. Aber es ist einen Versuch wert.
Anschließend ist die Fahrt zum Tierarzt oder in die Tierklinik auf jeden Fall unumgänglich. Kann der Hund selber laufen, so sollte man ihn lassen. Wichtig ist, dass man trotz allem vorsichtig fährt und eventuell den Hund während der Fahrt von einem Mitfahrer unter Aufsicht hat.

Autor: Esther Vergenz